Freitag, 28. Dezember 2012

Riot Grrrl Revisited, Geschichte und Gegenwart einer feministischen Bewegung (Katja Peglow / Jonas Engelmann (Hg.)



 Im deutschsprachigen Raum noch immer erstaunlich unbekannt: Der in Amerika revolutionäre Musikstil, der den Feminismus in den 90ern in die Musik brachte und Frauen die Chance gab, selbst die Gitarre in die Hand zu nehmen und ihren Frust in die Welt hinaus zu schreien. Riot Grrrl, hieß dieses Subgenre des Punks, mit dem die Mädchen in das männerdominierte Reich „Rock“ eindrangen und Gleichberechtigung forderten.
Der Blick auf das Phänomen Riot Grrrl bleibt in dem Buch nicht auf die Musik beschränkt, sondern auch andere Ausdrucksformen wie Film und Fanzines werden berücksichtigt. Es geht vor allem darum die Beweggründe und Ziele der Bewegung aufzuzeigen und deren Einfluss auf die Gesellschaft sichtbar zu machen.







Verschiedenste Essays beleuchten ganz unterschiedliche Teile der Riot Grrrl-Bewegung:
Zuerst wird einem ein geschichtlicher Überblick geboten und die Ursprünge der Riot Grrrls betrachtet. Weiters erfährt man etwas über das Verhältnis der Bewegung gegenüber anderen Musikszenen wie dem Hardcore oder dem Punk und die Verbindung zu queeren Bands.
Diesem ersten Teil folgt ein zweiter, in dem verschiedene Leute über ihre persönlichen Erfahrungen mit Riot Grrrl sprechen, manche davon auch sehr kritisch.
Im dritten und letzten Abschnitt geht es um das Erbe der Riot Grrls, darum was uns davon erhalten geblieben ist.

Besonders gut gefiel mir, dass sich die Herausgeber sehr bemüht haben, die verschiedensten Leute zu Wort kommen zu lassen und objektive sowie subjektive Eindrücke gesammelt haben. Dadurch hat man das Gefühl einen umfassenden Blick auf die Szene zu bekommen.
Positiv ist auch, dass gezeigt wird, dass Riot Grrrl nicht nur ein kurzlebiger Musikstil der 90er war, sondern eine grundlegende feministische Idee, die sich bis heute fortsetzt. Auch wenn die Musikstile, mit denen die Musikerinnen ihre Botschaft verbreiten, vielfältiger geworden sind und sie nicht alle in der selben Szene verankert sind, bleiben die Ziele doch die gleichen: Einfach als Künstlerin gleichsam wie ihre männlichen Kollegen anerkannt zu werden, ohne Diskriminierung und Sexismus ausgesetzt zu sein.
Zu diesem Thema findet sich im Buch ein tolles Zitat der Hamburger DJane Luka Skywalker:

„Du packst eine Unmenge in eine Frage rein, redest da von normativ-konventionellem Heterosexismus, von subversiv anmutendem Nischendasein, von kapitalistischer Verwertung … eigentlich will ich doch einfach nur als Kulturschaffende anerkannt und wahrgenommen werden. Weil ich aber eine Frau bin, muss ich, außer Kunst zu machen, auch noch den Kapitalismus abschaffen, neue Lebensformen finden, mein konstruiertes Geschlecht und das der anderen reflektieren, mich gegen Sexismus wehren, meiner Meinung nach kontraproduktive Strategien anderer Frauen mit ihnen diskutieren und immer wieder mich selbst in  Frage stellen. Ich tu das gerne, wirklich, ich will mich überhaupt nicht beschweren, ich bin sogar mittlerweile süchtig danach. Aber lass mich einmal fies gegenfragen, tun die Männer das eigentlich auch?“
Hoffnungsvolle Ausblicke für angehende weibliche Rockstars bilden sogenannte „Girls Rock Camps“, in denen Mädchen ermutigt werden, aktiv zu werden und selbst Musik zu machen.
„Ladyfeste“ sind Festivals oder Workshops, die sich speziell Musikerinnen und weiblichem Publikum widmen und so die Grundzüge der Riot Grrrl Mentalität aufrecht erhalten .

Natürlich hat Riot Grrrl nicht alle Probleme gelöst, aber es war bereits ein großer Schritt sie offen und unerschrocken anzusprechen. Am Ende bleibt also nur noch die Frage, ob der feministische Aufschrei der Musikerinnen wirklich etwas nachhaltig bewirkt hat?
Ich antworte mit einem „Naja“. Es gibt zwar mehr Frauen, die Musik machen als je zuvor (auch außerhalb des Mainstreambereichs), dennoch gelten Bands, die nur Frauen als Mitglieder besitzen noch immer als Seltenheit, während reine Männerbands als völlig normal angesehen werden.

Ein tolles Buch für alle Musik- sowie Feminismus-Interessierten!
Wer allerdings in diesem Blogeintrag das erste Mal in seinem Leben etwas über Riot Grrrl gehört hat, und nicht bereit ist 17€ für „Riot Grrrl Revistited“ auszugeben, sollte zumindest mal den Wikipedia-Artikel über Kathleen Hanna lesen.

Mittwoch, 26. Dezember 2012

The Name of the Wind (Patrick Rothfuss)

(zu dt.: „Der Name des Windes“)


Der junge Mann Kote führt ein eintöniges Leben als Wirt in dem verschlafenen Städtchen Newarre. Als ein Chronist in dem Rasthaus einkehrt, erkennt er Kote als den legendären Kvothe, um den sich hunderte von Legenden ranken. Es gelingt dem Schreiber den rothaarigen jungen Wirt zu überreden, ihm seine Lebensgeschichte zu erzählen:
“I have stolen princesses back from sleeping barrow kings. I burned down the town of Trebon. I have spent the night with Felurian and left with both my sanity and my life. I was expelled from the University at a younger age than most people are allowed in. I tread paths by moonlight that others fear to speak of during day. I have talked to Gods, loves women, and written songs that make the minstrels weep.
My name is Kvothe. You may have heard of me.”




Es gibt Bücher, bei denen man nicht so recht weiß, wie man eine Rezension über sie verfassen soll. Entweder, weil es einfach nichts über sie zu sagen gibt, oder weil man weiß, dass es unmöglich ist, alles, was das Buch ausmacht, in etwa 600 Wörtern zusammenzufassen.
„The Name of the Wind“ von Patrick Rothfuss gehört eindeutig zur zweiten Sorte.

Man kann die Geschichte aufgrund seiner Länge und des Mittelaltersettings getrost der epischen Fantasy zuordnen. Patrick Rothfuss‘ Stil ist detailreich, sodass man sich in Kvothes Welt gut einleben kann, doch nie langatmig.
Die Geschichte ist so untypisch frisch und lebhaft für Fantasy, dass man gar nicht mehr aufhören kann zu lesen. Selbst die Kapitel in denen nur Kvothes Tagesablauf oder ähnliches beschrieben wird, also die Handlung nicht vorantreiben, sind weder zu lang noch tauchen sie zu oft auf, um langweilig zu werden. Stattdessen tragen sie besonders dazu bei, dass man sich als Leser ein volles Bild vom Leben des Hauptcharakters machen kann.

Kvothe ist sehr lebendig und dreidimensional beschrieben. Auch wenn er als Held des Buches den intelligenten Wunderknaben verkörpert, kommen doch auch seine Schwächen wie Sturheit, Stolz, Waghalsigkeit und manchmal auch Gedankenlosigkeit gut heraus. Auch wenn er superintelligent ist, sind manchmal andere cleverer, stärker oder besser. Gerade dass Kvothe nicht unfehlbar oder unbesiegbar ist, sondern auch oft eine Niederlage einstecken muss (und das auch kann), macht ihn zu einer sehr sympathischen Hauptfigur.
Auch alle anderen Charaktere wirken in ihren Handlungen und in dem was sie sagen realistisch.

Besonders gut gefällt mir auch, wie bei Rothfuss „Zauberei“ funktioniert. Für diese muss man nämlich nicht nur irgendwelche Sprüche auswendig lernen und mit den Armen wedeln, sondern jahrelang seinen Geist hart trainieren. Zaubern wird wie eine erweiterte Wissenschaft beschrieben und so die Konzepte dahinter schlüssig erklärt.

Ich weiß, man kann sich von meiner Beschreibung nicht allzu viel über die Geschichte vorstellen, aber es wäre schwer in einer kurzen Zusammenfassung der komplexen Handlung des Buches gerecht zu werden. Außerdem finde ich, dass das einem einiges an Überraschungen und Spannung nehmen würde.

Darum nun gleich zum Fazit:
Ich liebe Fantasybücher, in die man sich so richtig einleben kann. Und soweit diese Gattung ein Gefühl des Realismus erzeugen kann, hat Rothfuss es geschafft, dem Leser diese zu vermitteln. Er hat typische Elemente des Fantasy stets so weit verändert oder in untypischer Weise kombiniert, dass es nie vorhersehbar wird und stets spannend bleibt. Ich mag die Charaktere, das Setting, die Geschichte und Rothfuss' Schreibstil.
Kurzum, ich liebe einfach alles an diesem Buch. Halt! – Alles?... Nein, da gibt es doch noch etwas daran auszusetzten: Es ist trotz seiner 660 Seiten einfach zu kurz. ;)

„The Name of the Wind“ ist der erste Band der „Kingkiller Chronicle“ von Patrick Rothfuss, die drei Bände umfassen soll.
Der zweite Teil: „The Wise Man’s Fear“, ist bereits erschienen, auf den dritten Band muss noch gewartet werden.




Montag, 17. Dezember 2012

Maria, ihm schmeckt’s nicht! – Geschichten von meiner italienischen Sippe (Jan Weiler)



„Als ich meine Frau heiratete, konnte ihre süditalienische Familie leider nicht dabei sein. Zu weit, zu teuer, zu kalt. Schade, dachte ich und öffnete ihr Geschenk. Zum Vorschein kam ein monströser Schwan aus Porzellan mit einem großen Loch im Rücken, in das man Bonbons füllt. Menschen, die einem so etwas schenken, muss man einfach kennen lernen.“

So weit der Klappentext zur Einführung des Buches von Jan Weiler, der darin seine Erlebnisse mit den süditalienischen Verwandten seiner Frau beschreibt.








Vordergründig geht es hier um Mentalitätsunterschiede zwischen Deutschen und Italienern. So lieben nach Jan Weilers Erlebnissen Italiener alles was laut und bunt ist und Aufmerksamkeit erregt. Sie essen immer nur Pizza und Pasta ohne zuzunehmen und können stundenlang mit kindlicher Begeisterung Tombola spielen.
Italiener hingegen meinen, Deutsche wären immer fleißig, ruhig, bescheiden.

Liest man aber weiter, erkennt man, dass Jan Weiler sich durchaus bemüht hat, die einzelnen Charaktere seiner neuen Anverwandten zu ergründen und von Klischees abzuweichen.
Am intensivsten beschreibt er dabei seinen Schwiegervater, Antonio Marcipane, der als seltsamer aber liebenswürdiger Kauz dargestellt wird. Durch ihn erfahren wir auch einiges über die turbulente Familiengeschichte der Marcipanes.

Die Geschichten sind flüssig zu lesen, jedoch hat man das Gefühl, Jan Weiler könne sich nicht immer so recht entscheiden, ob seine Erzählungen ernst oder witzig sein sollen.  Es sind oft rührende Momente, wenn Antonio Marcipane von seiner Kindheit erzählt, in der er in einem Stockbett voller Wanzen lag, im Bett über ihm sein alkoholsüchtiger, kriegsversehrter Großvater.
Einige Seiten später mokiert sich Weiler dann wieder über die Bauart italienischer Fernsehsessel oder Coffee-to-go oder ähnliches: 

„Auch im Supermarkt gibt es Fernsehsessel. Sie scheinen das zentrale Statusmöbel überhaupt zu sein. Diese Sessel sind an den merkwürdigsten Stellen justierbar, denn falls der jeweilige Besitzer auf die Idee kommen sollte, einmal ganz crazy fernzusehen, also beispielsweise mit dem Kopf auf der einen und dem Po auf der anderen Armlehne zu liegen, dann soll der Sessel immer noch bequem sein. Italiener wissen eben, was wahrer Luxus ist“

 Wirklich unterhaltend wird es in Momenten der Selbstironie, die gegen Ende des Buches häufiger werden. So zum Beispiel, als Weiler und seine Frau, sowie seine Schwiegereltern wieder mal Urlaub in Italien machen:

 „Diesmal schlafen wir nicht bei Nonna Anna, weil Antonio und Ursula dort wohnen, sondern bei Cousin Marco, der zwar kein Gästezimmer hat, aber ein Wohnzimmer, in dem wir nächtigen können, wenn uns seine Tiere nicht stören.
„Was sind denn das für Tiere?“, frage ich mit sorgenvoller Neugier, denn ich befürchte in Katzenhaushalten immer, an Toxoplasmose zu erkranken. Beruhigenderweise besitzt Marco jedoch keine einzige Katze, sondern zwei Schlangen, mehrere Spinnen und Skorpione sowie ein Meerwasseraquarium mit einem kleinen Hai.“

 Die Erzählungen in „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ fühlen sich authentisch an und besonders die Familiengeschichte der Marcipanes fand ich sehr interessant. Jan Weiler beschreibt alles auch recht mühelos und lustig, auch wenn für mich manches davon gezwungen witzig sein will. Ich denke aber, dass das eine Frage des persönlichen Humors ist.
Hätte ich ein Punktesystem, bekäme das Buch von mir 2 ½ Sterne aus 5, da es daran nichts Gröberes zu bemängeln gibt, mich aber auch nicht vom Hocker gerissen hat. Perfektes Mittelmaß.

Montag, 10. Dezember 2012

Das Gefängnis der Freiheit (Michael Ende)

Ein verwöhnter Lord, der unzufrieden die ganze Welt bereist, um den Ort zu entdecken, an dem er Frieden finden kann; ein Säulengang, der nur 30 Meter lang ist, aber dessen Ende man nie erreichen kann; ein Haus,das kein Inneres besitzt; und eine lebendige Stadt, die sich ihre Erbauer selbst einverleibt hat.
Was all diese Dinge gemeinsam haben?
In jeder Geschichte, die uns Michael Ende in „Das Gefängnis der Freiheit“ vorlegt, geht es um einen besonderen, surrealen Ort, wie er in unserer Welt nicht existieren könnte. Egal ob es sich dabei um einen Palast auf einem Felsenpfeiler mitten im Hindukusch handelt, oder ein kleines Auto, in dem magischer Weise eine ganze Wohnung Platz hat.






Die meisten der Protagonisten sind stets auf der Suche nach etwas: Nach einer Heimat, nach einer verborgenen Welt, nach dem Sinn des Lebens. Sie sind rastlos und unzufrieden mit ihrer Umgebung, wie sie sie kennen. Ständig denken sie, dass es noch mehr geben muss, als das was sie gesehen und gelernt haben, mehr als das Rationale und Nüchterne dieser Welt.

Die Geschichten kommen nicht immer zu einem moralischen Schluss, sondern bleiben oft offen. Sie haben einfach das Ziel auf den Leser mit ihrer Atmosphäre einzuwirken. Man beginnt die Dinge mit anderen Augen zu sehen und über Wunder und Fantasie nachzudenken.
Gerade, dass der Autor einem die Freiheit lässt sich selbst Gedanken zu machen und einem nicht versucht eine vorverfasste Meinung aufzudrängen, hat mir sehr gefallen.

Zwei der Geschichten sind mir besonders im Gedächtnis geblieben: Die erste mit dem Titel „Der Korridor des Borromeo Colmi“ handelt (oben schon kurz erwähnt) von einem Säulengang, dessen Ende nie zu erreichen ist, da man selbst immer weiter schrumpft, je weiter man in ihn hinein geht und deshalb immer langsamer voran kommt.

„Ich ging also zögernd in den Korridor hinein, bei jedem Schritt auf irgendeine unliebsame Überraschung gefasst, während meine Frau diesmal am Eingang zurückblieb. Als ich die Stelle erreicht hatte, wo sie stehengeblieben war, hielt ich ebenfalls inne. Ich blickte umher, doch konnte ich nichts Ungewöhnliches wahrnehmen. Die Säulen zur linken und zur rechten standen regelmäßig und hatten die gleiche Größe wie diejenigen am Anfang des Korridors.  Ich wandte mich zu meiner Frau zurück – und erschrak heftig. Dort stand eine Riesin von ungeheuerlichen Körpermaßen.“
 
In der zweiten Erzählung, „Die Katakomben von Misraim“ leben sogenannte „Schatten“ unter der Erde und fristen ein trostloses Dasein, das nur aus sinnlosen Arbeiten und Schlaf besteht. Das sich trotzdem alle mit ihrem Schicksal abfinden, ist nur aufgrund einer abstumpfenden Droge möglich. Doch ein Schatten, der sich dagegen immun zeigt, ist unzufrieden und startet eine Rebellion.

„Iwri hatte große Angst davor.  Hätte es eine Möglichkeit gegeben, wieder unter die Obhut des Anordners zurückzukehren und vom Schattenvolk aufgenommen zu werden, er hätte vielleicht Gebrauch davon gemacht, nur um nicht mehr allein zu sein. Aber zugleich wusste er, dass er niemals mehr würde aufhören können, nach dem zu suchen, was jenseits der Fenster lag. Es gab also kein Zurück für ihn, dazu war es zu spät. Er musste geschehen lassen, was geschah.“

Die Geschichte ist ein gutes Beispiel dafür, wie schwierig und mutig es ist, sich aufgrund seiner Überzeugung gegen die Masse zu stellen und alles für seine Freiheit zu riskieren.

Mit „Das Gefängnis der Freiheit“ hat Michael Ende außergewöhnliche und auch nachdenklich stimmende Erzählungen in einem Buch zusammen gefasst. Wer gerne Phantastik liest und sich einmal eine Auszeit von simpel gestrickten Sword and Sorcery Werken gönnen möchte (was nicht heißen soll, das die nicht auch spannend und unterhaltend sein können), sollte hier zugreifen.

Samstag, 1. Dezember 2012

King Solomon’s Mines (H. Rider Haggard)

(zu dt. erschienen unter: „König Salomons Schatzkammer“, „König Salomons Diamanten“ u. a.)

Allen Quatermain, ein für seine Überlebenskünste bekannter Elefantenjäger, trifft auf einer Schiffsreise zufällig auf Sir Henry Curtis und den Seebären Captain John Good. Sir Henry ist auf der verzweifelten Suche nach seinem Bruder, der sich zuletzt unter dem Decknamen „Neville“ in Südafrika aufgehalten haben soll um dort sein Glück zu versuchen und reich zu werden und bittet Quatermain um Hilfe. Der Jäger erinnert sich, diesen „Neville“ zwei Jahre zuvor getroffen und hat damals von seinem Plan gehört, der Legende von Solomons Diamantminen nachzulaufen, in denen sich unermessliche Reichtümer befinden sollen.
Schließlich stimmt Quatermain zu.
Zusammen stürzen sich die drei Abenteurer in eine gefährliche Reise, in der sie in glühenden Wüsten gegen Durst, in eisigen Höhen gegen die Kälte und in tropischen Ländern gegen tyrannische Könige ankämpfen, um ihr Ziel zu erreichen.



 
Mit „King Solomon’s Mines“ hat Haggard eine klassische Abenteuergeschichte geschaffen. Der Leser taucht ein in fremde Kulturen und ferne, exotische Länder, die sehr lebendig beschrieben werden. Natürlich gibt es auch jede Menge Action und die Helden finden sich mehrmals in lebensgefährlichen Situationen wieder, aus denen sie sich immer erst dann befreien können, wenn die Lage schon aussichtslos zu sein scheint. Und letzten Endes sorgt der glückliche Zufall dafür, dass doch noch alles gut ausgeht.

Berichtet wird und das Ganze von Allen Quatermain persönlich, der die Geschichte als eine Art Erlebniserzählung für seinen Sohn niederschreibt.
Quatermain kann man sich in etwa wie den Indiana Jones des 19. Jahrhunderts vorstellen: Er ist seit Jahrzehnten Elefantenjäger (ein Beruf indem die Lebensdauer normalerweise nur einige Jahre beträgt), weitgereist und weltgewandt. Er hat nicht nur eine Menge Erfahrung, wenn es um Abenteuer geht, sondern auch stets eine gewitzte Idee, wenn es darum geht sich aus Gefahren heraus zu winden.

Auch wenn Allan Quatermain recht gut beschrieben ist, bleiben die anderen Charaktere etwas platt. Obwohl jeder seine kleine Eigenheiten und Spleens zugeschrieben bekommt, bleibt für mich die Rollenaufteilung gut-böse doch etwas zu simpel. Es gibt keine einzige Figur, bei der man von Anfang an nicht wüsste, auf welcher Seite sie steht.
Weiters bedient sich Haggard an sehr vielen Klischees (Die Abenteurer beweisen mittels einer „von ihnen heraufbeschworenen“ einem Eingeborenenvolk, dass sie Götter sind, etc.), wobei ich mir nicht sicher bin, ob diese 1885 bereits Klischees waren, oder erst nachträglich zu solchen geworden sind. Dadurch, dass alle Kniffe und Tricks der Charaktere aus anderen Abenteuergeschichten schon so bekannt sind, kommt keine Wendung wirklich überraschend, was dem Buch natürlich viel an Spannung nimmt.

Ende des 19. Jahrhunderts war H. Rider Haggard im englischsprachigen Raum so bekannt wie bei uns Karl May. In fast jedem Haushalt war eines von Quatermains Abenteuern zu finden, von denen „King Solomon’s Mines“ das erste war.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der damalige Kultstatus von „King Solomon’s Mines“ aufgrund der realistischen Beschreibung des Abenteuers und der fremden Kulturen und Länder sicher gerechtfertigt war. Heute ist es allerdings nichts wirklich Besonderes mehr, da alle Ideen in späteren Abenteuergeschichten (von Indiana Jones bis zu Tim und Struppi) zigmal auf jede erdenkliche Art ausgeschlachtet wurden.
Wer für einige Nachmittage kurzweilige Unterhaltung sucht oder sich an noch keinem Abenteuerroman versucht hat, kann hier mit gutem Gewissen zugreifen.

Samstag, 24. November 2012

Ein Jahr ohne „Made in China“: Eine Familie – ein Boykott – ein Abenteuer (Sara Bongiorni)

 (Im Original: „A Year without >>Made in China<<: One Family’s True Life Adventure in the Global Economy)

Sara Bongiorni, Ehefrau und Mutter zweier kleiner Kinder, teilt, einer plötzlichen Eingebung folgend, an einem Morgen kurz nach Weihnachten alle Geschenke in zwei Gruppen ein: „China“ und „nicht China“. Die Auszählung ergibt, dass 25 Geschenke aus China und nur 14 aus der restlichen Welt kommen. Bongiorni begreift, dass China ihr Leben und ihren Haushalt bereits erobert hat und trifft die Entscheidung China für ein Jahr zu boykottieren.
„China verströmt ein blaues Glühen vom DVD-Player und glitzert in den Lichtern und Glaskugeln des welkenden Weihnachtsbaums in der Ecke des Wohnzimmers. China juckt an meinen Füßen mit einem Paar Ringelsocken. Es liegt in einer unordentlichen Reihe chinesischer Schuhe neben der Haustür, beobachtet die Welt durch die gestickten Augen einer rothaarigen Puppe und unterhält den Hund mit einem chinesischen Gummispielzeug. China wirft einen gelben Lichtkranz von der Lampe auf dem Klavier.“

Damit soll nun Schluss sein. Nichts neues, das aus China kommt darf gekauft werden, alles aus der restlichen Welt ist in Ordnung. Alte Gegenstände aus China dürfen im Haus bleiben, Geschenke, die in China hergestellt wurden dürfen auch angenommen werden.
Auch wenn diese Regeln schon sehr locker sind, war es nach den Erzählungen des Buches für Sara Bongiorni keineswegs einfach sie einzuhalten. In den USA scheint es viel schwieriger zu sein als bei uns in Österreich (über Deutschland weiß ich nicht so genau Bescheid, aber dort wird sicher auch leichter sein als in den Staaten) lokal hergestellte Produkte einzukaufen. So wird zum Beispiel die Suche nach neuen Schuhen für ihren vier-Jährigen Sohn, die nicht in China hergestellt wurden, zu einer wochenlangen verkrampften Suche, ehe sie ein sündteures Paar, das in Italien gefertigt wurde, aus einem Katalog bestellt.
Mir fallen im Gegensatz dazu in meiner Stadt gleich drei Geschäfte mit in Österreich gefertigten Schuhen ein.

Der China-Boykott bringt auch hin und wieder Probleme mit sich, was die Familienharmonie betrifft. Die Kinder verstehen manchmal nicht, warum sie etwas nicht haben dürfen und der Ehemann schmollt ab und zu. Im Großen und Ganzen macht die Familie trotz kleiner Strapazen, die sie durch das Experiment ertragen müssen,  jedoch einen zufriedenen Eindruck. Die Kinder bekommen genügend Aufmerksamkeit und Liebe der Eltern, sowie nicht-chinesisches Spielzeug, sodass ihnen nichts fehlt.

Ziemlich verwundert war ich über die Reaktion der Personen im Umkreis der Bongiornis. Anstatt Sara zu unterstützen oder sich für das Projekt zu interessieren, begegnen die meisten Verwandten, Nachbarn und Freunde dem Vorhaben entweder mit Spott oder Ablehnung. Ich frage mich, ob in Westeuropa die Reaktion nicht anders ausfiele.
Auch als die Presse gegen Ende des Jahres auf den China-Boykott aufmerksam wird und die Familie für die Zeitung interviewt, entsprechen die fertigen Artikel nicht immer der Wahrheit. Die chinesische Presse entwirft Horrorszenarien eines zerrütteten Familienlebens und weinenden Kindern ohne Spielzeug.

Die Frage, wie sich das Leben für Sara Bongiorni durch den China-Boykott verändert hat, beantwortet sie so:
„Ich veränderte mich als Verbraucher. Ich achtete darauf, welche Wahl ich traf. Einkaufen wurde, was es jahrzehntelang, wenn ich durch die Einkaufszentren geschlendert war, noch niemals gewesen war: bedeutsam. Es war eine befriedigende Veränderung.“
 
Auch wenn Sara Bongiorni in den USA lebt, und es bei uns viel leichter ist, heimische Produkte zu finden, hat mich das Buch doch sehr nachdenklich darüber gestimmt, wie sehr unser Lebensstil von außen bestimmt ist und wie wenig Möglichkeiten es gibt, Alternativen zu finden. Ich empfehle „Ein Jahr ohne >>Made in China<<“ allen, die einfach Lust auf einen interessanten Erfahrungsbericht haben, oder sich einen Anstoß wünschen, die eigenen Kaufgewohnheiten zu überdenken.

Gleich nach Lesen des Buches musste ich nachsehen, wo meine beiden Paar Lieblings-Sneakers hergestellt wurden – Nein, nicht in China, sondern Vietnam. ;)   

Freitag, 16. November 2012

Northanger Abbey (Jane Austen)

(zu dt.: „Die Abtei von Northanger“)
Die 17-Jahrige Catherine Morland hat eine große Leidenschaft: Romane. Wie sonst sollte sie sich mit genügend Informationen versorgen, wenn sie wissen will, wie sie sich als zukünftige Heldin in allen Lebenssituationen zu verhalten hat?
Eine unerwartete Gelegenheit ihr Heldinnen-Potential unter Beweis zu stellen, ergibt sich, als zwei Freunde der Familie, Mr. und Mrs. Allen, Catherine einladen für einige Wochen mit nach Bath zu kommen. Zum ersten Mal in ihrem Leben verlässt sie ihr kleines Heimatdorf, Fullerton, und wirft sich in den blendenden Glanz und die Aufregung der gehobenen Gesellschaft. Sie besucht Bälle, geht ins Theater, unternimmt wilde Kutschenfahrten, wohnt Dinnern bei und findet neue Freunde. Und vielleicht auch die große Liebe?
Als sie schließlich von der sympathischen Miss Tilney und deren Bruder eingeladen wird, mit nach Northanger Abbey zu kommen, meint Catherine dort einem dunklen Geheimnis auf die Spur zu kommen, genau wie es in ihren Romanen passiert.


Mit Catherine Morland hat Jane Austen eine naive sowie etwas weltfremde Protagonistin geschaffen, die der Überzeugung ist, die Welt sei genau wie sie es aus ihren Liebesgeschichten kennt. Dadurch teilt sie andere gerne nach dem ersten Eindruck in die platten Kategorien „gut“ und „böse“ ein, ohne genauer hingesehen zu haben, was im Laufe der Geschichte für so manche unangenehme Überraschung für Catherine sorgt. Oft ist sie blind gegenüber schlechter Absichten anderer Personen und lässt sich leicht beeinflussen. So freundet sich Catherine zum Beispiel zu Beginn mit der egoistischen, wankelmütigen Isabella Thorpe an und wird sich erst spät deren schlechten Charakters bewusst.
Miss Morland wird aber auch als herzensguter, offener und freundlicher Mensch beschrieben, der stets in der besten Absicht handelt, wodurch sie die Freundschaft der netten Tilneys gewinnt.
Catherine ist in dieser Erzählung nicht nur auf der abenteuerlichen Suche nach persönlichem Glück, sondern auch nach dem Erlangen geistiger Reife.

„Northanger Abbey“ gilt als erstes größeres Werk Jane Austens. Sie verkaufte das Manuskript bereits 1803, aber es wurde erst nach ihrem Tod 1818 veröffentlicht.
Viele für sie typische Elemente finden sich bereits in dem Roman, wenn auch weniger stark ausgeprägt als in späteren Werken. so zum Beispiel die fast ins Lächerliche gezogenen Charaktere, die ihre Schwächen allerdings noch nicht vollständig selbst aufdecken; hin und wieder bedarf es einer unterstützenden Erklärung des allwissenden Autors, der uns die Charaktere explizit beschreibt. Auch die Ironie und Süffisanz, die in Austens Dialogen oft zu finden sind, sind schon zum Großteil vorhanden. Weiters hat mich wieder einmal fasziniert, wie sie es schafft die Geschichte spannend zu machen, obwohl nichts wirklich Besonderes oder Aufwühlendes geschieht.
Leider ist der Roman eher simpel gestrickt und teilweise vorhersehbar. Das Handlungs-Schema lässt sich in einem Satz zusammen fassen: Zuerst kommt Catherine nach Bath und verbringt danach einige Wochen in Northanger, ehe der Schluss etwas abrupt und gezwungen schnell die Geschichte abschließt.

Das Hauptziel des Buchs, Gothic Novels aufs Korn zu nehmen, ist jedoch sehr gut gelungen. Gothic Novels – schaurige Romane, oft auch mit einer Liebesgeschichte verbunden – waren zu Jane Austens Zeit vor allem unter jungen Frauen der letzte Schrei. Auch im deutschsprachigen Raum waren ähnliche Geschichten (heute bekannt unter dem Sammelbegriff „schwarze Romantik“) sehr beliebt. Indem Austens Hauptcharakterin versucht nach dem Vorbild der Heldinnen ihrer Romane zu handeln und dadurch scheitert, parodiert und kritisiert die Autorin dieses Genre.

„Northanger Abbey“ hat mir aufgrund des geistreichen Humors gut gefallen. Dieser ist allerdings weniger ausgereift als in ihren späteren Romanen. Als Einstiegswerk für Jane Austen würde ich eher „Pride and Prejudice“ („Stolz und Vorurteil“) oder „Sense and Sensibility“ („Verstand und Gefühl“) empfehlen. Aber alle, die schon etwas von ihr gelesen haben und Lust haben sich an einem weiteren ihrer Romane zu versuchen, werden „Northanger Abbey“ sicher mögen, das es zumindest in Grundzügen bereits alle Zutaten enthält für die wir Austens Werke lieben.

Freitag, 9. November 2012

[Top Ten der Bibliophilie:] Du bist eindeutig büchersüchtig, wenn du...


10) ... aus jedem Urlaub mindestens ein Buch als Erinnerung mitbringst.

9) ... regelmäßig von deinen Lieblingscharakteren träumst.

8) ... in keinen Buchladen gehen kannst, ohne etwas zu kaufen.

7) ... nicht mehr ohne Buch aus dem Haus gehen kannst.

6) ... beginnst alle Leute in deiner Umgebung mit Buchcharakteren zu vergleichen.

5) ... all deinen Freuden stets mehr über die Geschichten, die du gelesen hast, erzählst, als über Dinge, die dir passiert sind.

4) ... Mordgelüste gegenüber jemandem verspürst, der ein Eselsohr in eine Buchseite macht.

3) ... ein Notfallregal eingerichtet hast, um im Falle eines Brandes oder einer anderen Katastrophe die wichtigsten Bücher schnell in Sicherheit bringen zu können.

2) ... deinem Lieblingsbuch einen Gute-Nacht-Kuss gibst.

1) ... an jedem neuen Buch, das du in die Hand nimmst riechst und immer genau weißt, ob schon einmal eines genau so roch (so in etwa wie: "Ach ja, damals vor fünf Jahren, dieser eine Bildatlas über arabische Kriegsgeschichte...").

Trifft etwas davon auch auf euch zu? (Auf mich ja so ziemlich alles bis auf 2 ;))
Fallen euch noch andere seltsame Gewohnheiten ein, die man so als "Büchernerd" an den Tag legt?

Sonntag, 4. November 2012

[Kurzrezension:] English Provberbs explained (Ronald Ridout and Clifford Witting)





In der Einleitung wird kurz diskutiert, was  Sprichwörter auszeichnet, sowie wo ihre Ursprünge liegen, ehe es zum Hauptteil geht, in dem die Bedeutung der alphabetisch geordneten Sprichwörter erklärt wird. Perfekt zum Nachschlagen und Stöbern.
Da das Buch nicht mehr neu aufgelegt wird, ist es jedoch nur mehr als Gebraucht-Exemplar oder in gut bestückten Büchereien zu finden.

Kommt für alle infrage, die mehr als nur: „An apple a day keeps the doctor away.“ kennen und können wollen.
Dieses Sprichwort kommt in dem Buch übrigens nicht vor, scheint aber bei 800 Einträgen das ziemlich einzig fehlende zu sein.

Mittwoch, 31. Oktober 2012

The Halloween Tree (Ray Bradbury)

(zu dt.: “Halloween”)

Es ist Halloween. Tom Skelton und seine Freunde treffen sich voller Vorfreude in den tollsten Kostümen zur Süßigkeitenjagd. Da gibt es unter anderem ein Skelett, eine Mumie, eine Hexe, einen Goblin und den Tod höchstpersönlich. Sie wollen gerade losgehen, da bemerken sie, dass einer von ihnen, Pipkin, fehlt. Dieser fühlt sich unwohl und weist die anderen an, vor zu gehen.
Die Jungs laufen zu dem alten Haus am Rande des Städtchens, in dessen Garten ein riesiger Baum steht, der über und über mit leuchtenden geschnitzten Kürbissen behangen ist. Dann geht alles ganz verwirrend und schnell. Auf einmal taucht der mysteriöse Mr. Moundshroud auf und Pipkin, der seinen Freunden nachläuft, wird, als seine Lampe verlischt, vom Tod davon getragen. Und ehe sie so recht wissen, was geschehen ist, befinden sich die Kinder auf einer Reise durch die Vergangenheit zu den Anfängen von Halloween, immer auf der verzweifelten Suche nach Pipkin, um ihn zu befreien.


Zusammen mit den Jungen führt Ray Bradbury uns zu den Mumien des alten Ägyptens, zu keltischen Riten im heidnischen England, zu den Hexenjagden des Mittelalters, zu den Goblins und Wasserspeiern von Notre Dame und zu mexikanischen Katakomben und Friedhöfen.Auf ihrer Reise gehen die Kinder den Ursprüngen der Figuren, als die sie verkleidet sind, nach, wodurch, die Erzählung zeitweise wie eine Geschichtsstunde wirkt. Nur gut, dass es stets so natürlich in die Handlung passt, dass es nicht scheint, als wolle Bradbury einem sein Wissen aufzwingen.
Anhaltspunkt der Geschichte ist Mr. Moundshrouds altes Haus, bei dem alles beginnt und endet :
„And they looked up through the levels of the great house and saw ervery age, every story, and all the men in history staring round about as the sun rose and set. Apemen trembled. Egyptians cried laments. Greeks and Romans paraded their dead. Summer fell dead. Winter put it in the grave. A billion voices wept. The wind of time shook the vast house. the windows rattled and broke like men’s eyes, into crystal tears.”

Samstag, 27. Oktober 2012

Kurzgeschichte: The Call of Cthulu (H. P. Lovecraft)

(zu dt.: “Cthulus Ruf”) 

Der Erzähler, dessen Namen wir nicht erfahren, berichtet uns in Ich-Form, worauf er durch Zufall nach dem Tod seines Onkels George Angell, dem Professor für semitische Sprachen an der Brown Universität, stößt. Als er im Winter 1926-27 die Hinterlassenschaft seines Onkels durchsieht, entdeckt er eine Schachtel mit rätselhaftem Inhalt: In ihr befindet sich ein Bericht über die seltsamen Träume eines Herrn Wilcox, der im Frühling des vorherigen Jahres unheimliche Visionen von uralten, versunkenen Städten und unaussprechlichen grauenvollen Wesen durchlitt. Es stellt sich heraus, dass während der gleichen Zeit tausende andere Menschen dieselben Albträume wie Wilcox hatten und dass diese Visionen mit einem uralten Voodookult zusammen hängen, der daran glaubt, dass abscheuliche Geschöpfe, die schon lange vor uns Menschen die Erde beherrschten, wieder auferstehen werden, um alles ihrem Schrecken zu unterwerfen.
Der Erzähler versucht das Werk seines verstorbenen Onkels fortzusetzen und dem entsetzlichen Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Die Geschichte „The Call of Cthulu“ ist der Auftakt zum Zyklus des Cthulu-Mythos, der H.P. Lovecraft zu Recht zu einem der größten Schriftseller der Horrorliteratur gemacht hat.
Lovecrafts Erzählungen überzeugen mehr durch eine durchgehend düstere, unheilvolle Atmosphäre, als durch kurze, unerwartete Schreckmomente. Ständig scheint eine namenlose Bedrohung wie ein Damokles-Schwert über einem zu hängen. Man selbst – wie auch der Protagonist – kann sich nicht so recht entscheiden, ob es besser wäre unwissend in das Verderben zu laufen oder sich des Grauens bewusst zu sein und an der Hoffnungslosigkeit, die einem dadurch erfasst, zu Grunde zu gehen. Sicher ist nur, egal was geschieht, es gibt kein Entrinnen, das Schlimmste wird immer eintreten.

Die in der Geschichte vorkommenden Charaktere sind gar nicht so wichtig, sondern nur Vermittler der Botschaft, mit der wir in Angst versetzt werden sollen. Geschickt wird der Leser von einer fiktiven Informationsquelle zur anderen geführt, sodass bis zum Ende aus einzelnen Zeugenaussagen, Zeitungsartikeln und Berichten Stück für Stück ein Gesamtbild in unserem Kopf entsteht und uns vorgaukelt selbst Forscher in dieser Sache zu sein.

Nachdem ich jetzt so über Lovecrafts Schreibstil geschwärmt habe, hier zwei kleine Kostproben:
In der folgenden Stelle findet der Protagonist ein steinernes Abbild des Monsters, das von den Voodoo-Clans angebetet wird:
„It seemed to be a sort of monster, or symbol representing a monster, of a form which only a diseased fancy could conceive. If I say that my somewhat extravagant imagination yielded simultaneous pictures of an octopus, a dragon, and a human caricature, I shall not be unfaithful to the spirit of the thing. A pulpy, tentacle head surmounted a grotesque and scaly body with rudimentary wings; but it was the general outline of the whole which made it most shockingly frightful.”

Hier wird die uralte, versunkene Stadt beschrieben, in der das Monster Cthulu lauert:
„Without knowing what futurism is like, Johansen achieved something very close to it when he spoke of the city; for instead of describing any definite structure of building, he dwells only on the broad impressions of vast angles and stone surfaces – surfaces too great to belong to any thing right or proper for this earth, and impious with horrible images an hieroglyphs. [...] The geometry of the dream-place he saw was abnormal, non-Euclidean, and loathsomely redolent of spheres and dimensions apart from ours.”
 
“The Call of Cthulu” wurde aus dem Buch “The Best of H. P. Lovecraft, Bloodcurdling Tales of Horror and the Macabre” entnommen. Ich habe die Geschichte für die heurige R.I.P. Challenge gelesen; Rezension für das ganze Buch wird beizeiten folgen.

Samstag, 20. Oktober 2012

Schlimmes Ende (Philip Ardagh)

(im Original: „Awful End“)

Eddie Dickens ist elf Jahre alt, als seine Eltern an einer seltsamen Krankheit zu leiden beginnen, durch die sie gelb werden, sowie ganz wellig an den Rändern und nach alten Wärmeflaschen riechen. Da es ihnen unter diesen Umständen unmöglich ist, für Eddie zu sorgen, soll dieser seinen wahnsinnigen Onkel Jack und die noch wahnsinnigere Tante Maud zu deren Haus, Schlimmes Ende, begleiten.
Die Geschichte erzählt von den skurrilen Personen, denen Eddie auf seiner Reise begegnet und was ihm während dieser widerfährt.









Very british, dieses Buch: Erstaunlich mit wie viel Unsinn und Absonderlichkeiten sich gerade mal 126 Seiten füllen lassen. Ardagh baut nämlich gerne absurde Sätze ein wie:
„Eddie Dickens öffnete zitternd (der Kleiderschrank war aus Espenholz) die Kleiderschranktür“

Weiters macht er sich oft und gerne über das 19. Jahrhundert lustig, in dem die Geschichte spielt, wie zum Beispiel in der folgenden Passage:
„Damals galt man, wenn man nur Unterhemd und lange Unterhose anhatte, als ausgezogen. Sehr viel nackter konnte man nicht werden. Wenn es damals Kinos gegeben hätte – die es damals nicht gab -, und sie hätten einen Film gezeigt, in dem jemand am Strand vorgekommen wäre, der nur mit Unterhemd und langer Unterhose bekleidet war, so hätte das einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. Männer mit langen Bärten hätten Barrikaden errichtet und auf den Straßen wäre es zu Tumulten gekommen.“
 
Der Hauptcharakter Eddie Dickens scheint als etwas schüchterner, zurückhaltender und sehr höflicher Junge der einzig geistig Gesunde zu sein inmitten abgedrehter Persönlichkeiten, die in ihrer Beschreibung fast zu Karikaturen verkommen.
Da wären zu allererst Eddies Eltern, die sich ohne Misstrauen der fragwürdigen Therapie ihres Hausarztes hingeben, bei der sie an Eiswürfeln lutschen müssen, die die Form von berühmten Generälen haben, und die ständig den Namen ihres Sohnes vergessen.
Zum Hausstand der Dickens gehört unter anderem auch die Laberliese, ein Hausmädchen, das durch den acht-wöchigen Bettmachkurs gefallen ist und nun ein Leben in Schande im Schrank unter der Treppe verbringt. Sie wird mit allem gefüttert, das flach genug ist, um unter dem Türspalt hindurch zu passen.
Und dann gäbe es noch Mr. Pumblesnook, den Vorsteher eines Wandertheaters, dem Eddie auf seiner Reise in der Raststätte Zum Ausspann begegnet und der im Folge der Geschichte die Kutsche, in der Eddie mit seinen Verwandten reist, überfallen will und später gekonnt die Kaiserin von China mimt.
Respekt an den Übersetzter Harry Rowohlt, der allen Wortwitz und Unsinn ins Deutsche übertragen hat, ohne dass etwas von dessen Bedeutung verloren gegangen ist.

Am Verwunderlichsten ist, dass die Geschichte trotzdem Sinn macht und recht spannend wird, als mehr und mehr Probleme auftauchen. Nach allen möglichen Verwirrungen und Obstakeln, die Eddie auf seiner Reise durchleidet, findet sie zuletzt doch noch ein gutes Ende.

Der Text wird von feingliedrigen Schwarz-Weiß-Zeichnungen von David Roberts begleitet, der die skurillen Charaktere genau so verrückt darstellt, wie man sie sich in Gedanken ausmalt.

„Schlimmes Ende“ ist eher eine gekonnte Parodie oder verdrehte Homage auf das England des 19. Jahrhunderts als ein Kinderbuch. In kleinem Rahmen werden hier die Verklemmtheit, Spießigkeit und Umständlichkeit des viktorianischen Zeitalters aufs Korn genommen. Nicht selten hat mich der Text in seiner Absurdität und Ironie an Monty Python erinnert. Auch Lemony Snickets Zyklus über die Baudelaire Waisen, „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“, ist mir in den Sinn gekommen, auch wenn Snicket seine Geschichte nicht mit so viel lockerem Humor schreibt oder so auf die Spitze treibt wie Philip Ardagh.
Es ist zwar als Jugendbuch betitelt, aber ich bezweifle, dass vor allem jüngere Teenager genügend Sinn für Ironie für Ardaghs Werk mitbringen. Es ist ein Buch bei dem man viel schmunzeln und ab und zu auch laut loslachen kann, vorausgesetzt man versteht und mag diese Art von Humor.

„Schlimmes Ende“ ist der erste Teil von Philip Ardaghs Eddie-Dickens-Trilogie, der noch folgende zwei Bände angehören:
·         „Furchterregende Darbietungen“ (im Original: „Dreadful Acts“)
·         „Schlechte Nachrichten“ (im Original: „Terrible Times“)

Freitag, 12. Oktober 2012

The Woman in Black (Susan Hill)

(zu dt.: “Die Frau in Schwarz”)




Arthur Kipps, bereits zum zweiten Mal verheiratet, verbringt einen gemütlichen Weihnachtsabend im Kreise der Familie. Als seine Stiefsöhne sich gegenseitig  Gruselgeschichten erzählen, erinnert er sich plötzlich wieder an schreckliche Begebenheiten, die sich vor Jahren ereignet haben und ihn dazu veranlassen, sich alles von der Seele zu schreiben:
Zuerst scheint es nur ein banaler Arbeitsauftrag zu sein, den Mr. Bentley dem damals 23-Jahrigen Notar erteilt und der ihn in das abgelegene Örtchen Crythin Gifford führt. Dort soll Arthur Kipps dem Begräbnis von Mrs. Drablow beiwohnen und alle Unterlagen in ihrem Haus, Eels Marsh, für die Testamentssprechung ordnen, doch der Fall ist schwieriger als gedacht. Zuerst fällt Kipps beim Begräbnis plötzlich eine schwarz gekleidete Frau auf und dann schweigen die Dorfbewohner erschrocken, sobald das Thema auf Mrs. Drablow fällt. Er beginnt zu begreifen, dass ein dunkles Geheimnis auf diesem Ort und dem Haus der Verstorbenen lastet. Hartnäckig versucht er daraufhin aufzudecken, was dort geschehen ist, ohne sich über die verheerenden Folgen im Klaren zu sein.

Der Untertitel „A Ghost Story“ beschreibt die Erzählung treffend. Denn sie versetzt den Leser nicht in Schrecken – erfüllt also weder die Ansprüche eines Horror-Romans noch eines Thrillers – sondern schildert unaufgeregt und doch mitfühlend aus Sicht des jungen Arthur Kipps seine Erlebnisse.

Freitag, 5. Oktober 2012

Mysterien und Wunder

Übersinnliche Erscheinungen, die sich nicht erklären lassen
 (Aus der Serie „Die Welt des Unerklärlichen“ vom Moewig Verlag)



Dieses Buch befasst sich mit bekannten und stark umstrittenen Mysterien der katholischen Kirche.
Der Anfang ist der Frage nach der Auferstehung Jesu und dem Grabtuch von Turin gewidmet, gefolgt von Kapiteln über die schwarze Madonna (besondere, dunkle Marienstatuen), Unverwesliche (Das sind Körper die auf wundersame Weise nach ihrem Tod nicht verfallen), Stigmata und moderne „Propheten“ (hauptsächlich des 19. und frühen 20. Jahrhunderts).

Der Text ist durchgehend in pseudowissenschaftlichem Stil gefasst und bemüht sich stellenweise um rationale Erklärungen für unglaublich scheinende Phänomene, was allerdings nicht immer gelingt. So sind stellenweise Sätze zu lesen, wie: „Jeder von uns besitzt die Fähigkeit, dogmatische Veränderungen in seiner unmittelbaren Umgebung hervorzurufen, indem er starke oder unterdrückte Emotionen projiziert.“ Soll hier bedeuten: Mithilfe starker Emotionen sei es möglich Bilder oder Statuen Blut weinen zu lassen. Ein paar Seiten weiter hinten lautet das Resümee dieses Kapitels: „Die Tatsachen sprechen für eine Teleportation der Flüssigkeiten“.

Stellenweise hat der Autor unsorgfältig gearbeitet. Öfters wird kurz über eine Person geschrieben, ehe plötzlich von einer anderen berichtet wird, nur um einen Absatz später wieder auf die Person, von der ursprünglich die Rede war, zurückzukommen. Das lässt den Aufbau teilweise etwas chaotisch erscheinen und macht das Lesen anstrengend.
Weiters verwirrend sind die unterschiedlichen Schreibweisen ein und desselben Namens: So heißt Huim Neng, der berühmte Zen-Patriarch, der uns im Kapitel „Wunder des Geistes“ als ein Unverweslicher vorgestellt wird, bereits im folgenden Satz auf einmal Hui Neng und der Name der stigmatisierten Caterina von Siena, lautet weniger als eine halbe Seite später Katharina von Siena! Selbst wenn verschiedene Schreibweisen eines Namens existieren, sollte sich der Autor in seinem Text auf eine einigen, um Missverständnisse zu vermeiden.
Abgesehen von diesen kleinen Macken liest sich das Buch recht flüssig.

Noch ein Wort zu den darin enthaltenen schwarz-weiß Bildern: Diese weisen leider eine alles andere als gute Qualität auf und lassen dem Leser somit manchmal einigen Freiraum zur Interpretation des dort Dargestellten.
Der Gerechtigkeit halber muss jedoch gesagt sein, dass die Fotos zum Teil schon vor langer Zeit aufgenommen wurden, als sie noch nicht so hochauflösend waren wie es Fotos heutzutage sind, und das vielleicht auch noch in manchen Fällen bei schlechten Lichtverhältnissen.

Wer sich regelmäßig das Welt der Wunder Magazin kauft, Dan Brown cool findet oder in der Schule ein Religionsreferat halten muss und nicht zu viel erwartet, kann sich mit diesem Büchlein in Sachen Mysterien der katholischen Kirche weiter bilden.

Samstag, 29. September 2012

Cannery Row (John Steinbeck)

(zu deutsch: Die Straße der Ölsardinen)
In der Straße Cannery Row wohnt die ärmere Bevölkerung der Stadt Monterey: einfache Arbeiter, die sich ihr Geld damit verdienen, Fisch in Dosen zu verpacken, Trunkenbolde, faule Taugenichtse und Tagelöhner. Die Geschichte erzählt unter anderem von Lee Chong, der seinen kleinen vollgestopften Krämerladen wie einen Augapfel hütet, von Dora, die gegenüber ein Bordell betreibt, von Doc, dem jeder etwas Nettes tun möchte, und von Mack und seinen Freunden, die sich im Flophouse Palace, einem Lagerhaus, auf der anderen Seite des Platzes einnisten. Als der chaotische Mack mit seinen Jungs beschließt, Doc eine Party zu schmeißen, ist von vornherein klar, dass dieses Vorhaben nicht so enden wird, wie geplant…
Das Leben in der Cannery Row während der großen Depression in den 1930ern ist träge, langsam und oft eintönig. Die Bewohner leben von Tag zu Tag und suchen ihr Vergnügen in kleinen Dingen. Das Buch erzählt davon, wie die Leute dort miteinander umgehen, wie sie ihr Geld verdienen, welche Träume sie haben und welche Ziele sie verfolgen.

Cannery Row enthält keine komplexe Handlung. Alles was darin geschieht, lässt sich einfach in ein paar Sätzen widergeben. Was den wahren Reiz des Buches ausmacht, sind die Szenen, die die lose Handlung unterbrechen, um von anderen kleinen Begebenheiten zu erzählen, um die Charaktere um einige Facetten zu erweitern, oder nur um zu versuchen, die leicht wehmütige Stimmung einzufangen, die an diesem Ort herrscht.

In kurzen Episoden beschreibt John Steinbeck objektiv allerlei absonderliche sowie einfach gestrickte Charaktere, ganz ohne über sie zu urteilen. Der Leser bildet sich sein eigenes Urteil. Wirken manche Protagonisten am Anfang der Handlung noch seltsam oder unsympathisch, so ändert man doch Stück für Stück seine Meinung, wenn der Autor einem geschickt nach und nach ihre Eigenheiten und liebenswerte Eigenschaften eröffnet, bis am Ende des Buches aus eindimensionalen Klischees plastische Personen geworden sind, die man, auch wenn man sie nicht immer leiden, doch verstehen und schätzen kann.
Durch die Vorstellung vieler verschiedener Personen entsteht fast wie bei einem Puzzle bis zum Ende der Erzählung ein Gesamtbild im Kopf des Lesers. Da wären zum Beispiel der Maler Henri, der nur Bilder mit verschiedenfarbigen Hühnerfedern und Nussschalen herstellt, Dora Flood, die korrekteste und wohltätigste Bordellbesitzerin, die man sich vorstellen kann, Mr. Malloy, der mit seiner Frau auf dem Platz vor Lee Chongs Krämerladen in einem ehemaligen Fabriks-Boiler wohnt oder Mary Talbot, die regelmäßig Teepartys mit den Katzen der Nachbarschaft veranstaltet.

Diese Geschichte ist nicht dazu gedacht, sie schnell der Handlung wegen zu überfliegen, sondern um sie langsam in sich aufzunehmen und die Atmosphäre, die sie verbreitet, in Ruhe auf sich wirken zu lassen.
John Steinbeck selbst gibt dem Leser am Anfang einleitend mit einer sehr schönen Metapher einen Rat, wie man Cannery Row am besten genießt:
How can the poem and the stink and the grating noise – the quality of light, the tone, the habit and the dream – be set down alive? When you collect marine animals there are certain flat worms so delicate that they are almost impossible to capture whole, for they break and tatter under the touch. You must let them ooze and crawl of their own will on to a knife blade and then lift them gently into your bottle of sea water. And perhaps that might be the way to write this book – to open the page and to let the stories crawl in by themselves.